Bolivien

Bitterkalte Tage und noch viel kältere Nächte verbrachten wir in Bolivien. Am Titicacasee erhielten wir dank eines Schneegestöbers einen ersten Eindruck von der Kälte ohne Heizung. In der Hauptstadt La Paz schlenderten wir bei Nieselregen durch die Millionenstadt und machten eine spektakuläre Bike-Abfahrt über die Todesstrasse, bevor es in der Salzwüste wirklich eiskalt wurde und wir kurzzeitig Angst um unsere Zehen hatten.

 

Einreise nach Bolivien

Nach Bolivien reisten wir aus Peru mit einem organisierten Bustransfert von Puno. Da uns Puno nicht sonderlich beeindruckte entschieden wir kurzerhand am anderen Ende des Titicacasees in Cobacabana das höchst-gelegene, schiffbare Gewässer der Welt zu geniessen. Der Grenzübergang verlief jedoch etwas spektakulärerer als üblicherweise. Denn unser Visum für Peru hatten wir etwas überschritten. Der handgeschriebene Eintrag im Reisepass war leider unleserlich und konnte 30, 60 oder 90 Tage bedeuten. Im Pass von Armando waren die 30 Tage effektiv überschritten, meine 60 Tage immerhin noch nicht. Weshalb wir zwei unterschiedliche Aufenthaltsgenehmigungen bei der Einreise am Flughafen in Lima erhielten bleibt uns bis heute ein Rätsel. Nun gut, aber der Überzug der Aufenthaltsgenehmigung bedeutete, dass Armando eine Strafgebühr von etwas 20 Franken respektive 28 peruanischen Soles begleichen musste. Da dieser Betrag jedoch weder in bar noch beim aktuell zuständigen Beamten entrichtet werden konnte, musste Armando kurzerhand mit dem TuckTuck-Taxi ins nächste Dorf fahren. Auf der Nationalbank beglich er die Strafe und düste mit dem Taxi zurück zur Grenze. Nachdem noch einige Kopien vom gestempelten Reisepass gemacht und natürlich aus eigener Kasse bezahlt werden mussten und der diensthabende Polizeibeamte den Stempel beglaubigte, durfte auch Armando aus Peru ausreisen. Etwa 50 Meter weiter wartete auf uns dann die übliche Einreiseprozedur, welche zum Glück wie gewohnt von statten ging. Wir zwei waren also primär nur froh endlich in Bolivien zu sein und vor allem, dass der Bus mit unserem Gepäck die ganze Zeit auf uns wartete.

 

Der Titicacasee

Im herrlichem Sonnenschein genossen wir eine leckere Gemüse-Quinoa-Suppe mit Koka-Tee auf der Dachterrasse eines Restaurants und stiessen auf die Einreise in Bolivien an. Der Blick über den glitzernden Titicacasee war faszinierend und die wärmenden Sonnenstrahlen unbezahlbar. Als ob wir es gewusst hätten saugten wir die Sonne gerade zu auf, denn bereits ab der kommenden Nacht regnete es Katzen und Hunde vom Himmel samt Schneegestöber. Die Feuchtigkeit und damit die Kälte zog in unsere schlichte Bleibe und wir zwei verzogen uns tief unter unsere sieben Wolldecken. Am Vortag werweissten wir noch in der Sonne, ob wir am darauffolgenden Tag mit dem Boot zur Isla del Sol, die Sonneninsel, fahren sollten. Da wir aber gelesen hatten, dass der Norden und der Süden der Insel Auseinandersetzungen hätten und Touristen den Norden nicht betreten dürften, waren wir skeptisch. Der klägliche Regen am nächsten morgen nahm uns die Entscheidung einfach ab und wir hatten einen gemütlichen, verregneten Tag, wo wir von einer Tasse Tee zur nächsten gingen.

Sarah geniesst den Titicacasee
Titicacasee mit Sonne

 

La Paz – die höchst-gelegene Verwaltungshauptstadt

Vorerst genug von der Nässe hofften wir in La Paz auf besseres Wetter. Während der Abreise aus unserer Unterkunft liess unsere Hostelbesitzerin uns wissen, dass in El Alto, oberhalb von La Paz, gerade gestreikt wird. Streiks gehören in Bolivien zum alltäglichen Leben und sind ganz normal. Da kommt es schon regelmässig vor, dass ganze Strassen mehrere Tage gesperrt werden und Wege so unzugänglich sind. Wir machten uns also Sorgen, wie wir nun nach La Paz gelangen werden, wenn die Strassen verbarrikadiert sind. Nachfragend an der Busstation wurden wir informiert, dass der Streik einfach umfahren wird und wir ganz planmässig in La Paz ankommen werden. Mit einer Verspätung von 2 Stunden kamen wir dann dank eines umständlichen Umweges durch die Vororte von El Alto an der Busstation von La Paz an. Unser Hotel befand sich herrlich zentral und machte das Entdecken der Grossstadt einfach. Durch den Nieselregen schlenderten wir über den Hexenmarkt durch die Millionenstadt und fuhren mit zwei Schweizer-Seilbahnen über die Dächer von La Paz.

Blick aus der Seilbahn in La Paz
Strassensperre in La Paz – die Menschen gehen dann halt zu Fuss

 

Biken über die gefährlichste Strasse der Welt

Von der atemberaubenden Höhe von La Paz über die Todesstrasse bis in den Dschungel war unser Tagesziel. Unglaubliche 63 Kilometer über die steinige Bergstrasse galt es mit dem Bike zu bewältigen. Auf einer Strasse, auf welcher sich noch bis vor wenigen Jahren beinahe täglich schwerste Autounfälle ereigneten. Unser Tag begann jedoch gemütlich um 7.30 Uhr in einem Kaffee, wo wir die anderen Biker und die Instruktoren kennen lernten. Alle in einen Bus verfrachtet fuhren wir ungefähr 1.5 Stunden aus der Millionenstadt La Paz heraus und kamen immer noch höher. Als die schneebedeckten Berggipfel zum Greifen nah waren, erreichten wir unseren Startpunkt der Abfahrt auf über 4000 Metern über Meer. Wir erhielten unsere Bikes in einem wirklich top Zustand samt Schmutzhose und -jacke, als auch Helm und Handschuhe. Nachdem alle einige Testrunden auf dem Parkplatz drehten um ein erstes Gefühl für das Fahrrad zu erhalten, musste die Fahrt noch ganz traditionsgemäss von „Pachamama“, der Mutter Erde, bewilligt werden. Dazu wurde der Inhalt eines Fläschchens mit durchsichtiger Flüssigkeit (Nein, kein Wasser) auf den Boden als auch auf das Fahrrad geleert und einen herzhaften Schluck getrunken. Danach konnte die Fahrt endlich starten und wir konnten es kaum erwarten, dass es mit jedem zurückgelegten Meter wärmer werden sollte. Zuerst ging der Weg über einige Kilometer auf üblich geteerter Strasse hinunter. Dies war optimal sich an das Bike zu gewöhnen und auch unter etwas Geschwindigkeit samt plötzlichen Windstürmen ein gutes Fahrgefühl zu entwickeln. Nach vielen Kurven und einigen Fotostopps erreichten wir den offiziellen Drogen-Checkpoint. In der Tat werden hier sämtliche Fahrzeuge auf die Materialien zur Drogenherstellung kontrolliert, während der Nacht sei der Posten allerdings stets unbesetzt. An diesem Punkt gab es die Möglichkeit entweder die kommende Steigung mit dem Bike zurück zu legen oder sich gemütlich in den Bus zu setzten und sich chauffieren lassen. Wir entschieden uns natürlich für die aktivere Version und kämpften uns trotz der zusätzlichen Anstrengung in der Höhe den Berg hinauf. Nach ungefähr 45 Minuten Bergauf strampeln erreichten wir zufrieden den offiziellen Start der Dead Road, wo die Meisten unserer Mitradler erholt aus dem Bus ausstiegen. Nach einem weiteren kurzen Briefing ging die spektakuläre Fahrt über die Todesstrasse endlich los und wir genossen eine wortwörtlich unvergessliche Abfahrt. Immer wieder begegneten wir Grabkreuzen, die an schlimme Unfälle erinnerten und fuhren selber unweit des extrem steilen Abhanges nicht ohne Tempo hinunter. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wurde es auch tatsächlich tropischer und zum Glück wärmer aber auch die Arme wurden aufgrund der starken Bremsnotwendigkeiten immer schwächer, sodass wir insgeheim irgendwie froh waren als wir am späteren Nachmittag das Ziel der Dead Road erreichten und damit unser verspätetes Mittagessen samt Bier verdienten.

Aussicht vor der Todesstrasse
Die Dead Road wartete auf uns
Teufelsbrücke auf der Dead Road
Die Todesstrasse mit Bike
Wir zwei am Start bei der Dead Road
Unsere Gruppe bei einem Abhang an der Todesstrasse

 

Zu Besuch in Cochabamba

Von La Paz in der Altiplano-Hochebene flogen wir auf Besuch nach Cochabamba. In der viertgrössten Stadt von Bolivien wurden wir von einem ehemaligen Schulfreund von Armandos Familie willkommen geheissen. Wir hatten grossartige Gespräche mit leckerem Essen und lernten vieles über das Leben in Bolivien. Bei dieser Gelegenheit: Muchas gracias Hans y Sarah por la hospitalidad.

 

In die Salzwüste

Nach wärmeren Tagen in Cochabamba ging unser Reise weiter Richtung Süden. In Uyuni, auf 3600 Metern über Meer, liegen die Durchschnittstemperaturen im Juni bei etwa 5 Grad. Entsprechend eisig war unsere Zeit in der Stadt, welcher für uns als Ausgangspunkt in die Salzwüste Salar de Uyuni galt. Von Uyuni aus ging es mit einer drei-Tages-Tour mit vier weiteren Touristen über die Salzwüste. Wir fuhren über den vertrockneten, grössten Salzsee der Welt und bestaunten die unwirkliche Landschaft in Bolivien. Neben dessen übernachteten wir unter anderem in einem bitterkalten Salzhotel. Viel Zeit verbrachten wir in unserem Auto, denn darin war es schön warm, nicht wie ausserhalb des Gefährtes. Ganz ohne Zwischenfälle war unsere Tour allerdings nicht. Am zweiten Tag von unserer drei-Tages-Tour informierte unser Guide, dass der Pass in Richtung Chile völlig zugeschneit sei und der Nationalpark entsprechend gesperrt. Unser Plan über den südlichen Pass nach Chile zu gelangen war entsprechend gestorben. Hingegen organisierte unser Fahrer, dass wir am nächsten morgen zurück in Richtung Norden fuhren und den nördlicheren Grenzübergang nach Chile nahmen. Nach einer weiteren kläglich kalten Nacht in einer einfachen Herberge ohne fliessendes Wasser starteten wir unsere Fahrt zum Grenzübergang morgens um 5.00 Uhr. Ich fühlte mich bereits am Vorabend krank, denn es war einfach viel zu kalt für mich. Nebst unserem Fahrer machte sich noch eine weitere Gruppe in Richtung der nördlichen Grenze auf. In der Morgendämmerung wurde sichtbar aus welchem Grund der Nationalpark geschlossen war. Überall auf den Strassen waren Schneeverwehungen sichtbar und die Autos wie erwartet in einem bolivianischen Zustand: Winterpneu? Profil? Heckantrieb? Schaufel? Winterhandschuhe? Leider halfen unsere Gebete nichts, denn die zwei Autos blieben wie erwartet im Schnee stecken. Nachdem Armando den Fahrern erklären musste, wie die Fussmatten tieferes eingraben im Schnee verhindern können respektive das Auto so befreit werden kann, war zumindest eines der beiden Autos ausgegraben. Beim zweiten Auto (mit Frontantrieb und ohne Profil) stellte sich das Bergen allerdings etwas schwieriger heraus. So versuchten wir in Eiseskälte im Sonnenaufgang das zweite Auto durch graben, schieben und rütteln aus dem Schnee zu bekommen. Während über 1.5 Stunden wehte die kalte Biese um unsere Gesichter, unsere Füsse wurden immer eisiger und das Gefühl der Zehen immer tauber. Überglücklich waren wir als das zweite Auto auch endlich befreit war und wir zurück im warmen Auto weiterfahren konnten und unsere Zehen von Minute zu Minute weniger schmerzten. In der Tat unvergessliche aber bitterkalte Tage in der Salar de Uyuni.

Der Zugfriedhof in Uyuni
Fahnen in der Salzwüste
Dieser Babyhund in der Salzwüste machte Armando glücklich
Sarah auf der Kaktusinsel
Freilebende Lamas in Bolivien
Atemberaubende Landschaft in der Salar de Uyuni
Ausnahmsweise bin ich grösser als Armando
Hilfeeeeee, steh nicht auf mich drauf!!!!
Unser Auto im Schnee bei Sonnenaufgang

 

An die eindrucksvollen Tage in der Salar de Uyuni haben wir noch lange gedacht. Denn ab unserer Ankunft in San Pedro de Atacama in Chile, wo wir fünf Tage verbrachten, lagen wir die gesamte Zeit mit einer bitteren Erkältung im Bett.

6 Antworten auf “Bolivien”

  1. Hoffe ihr seid wieder gesund und genießt Chile auch ein bisschen, was weiter gegen Süden dann wie eine andere Welt ist. Wir denken oft an Euch und das Fernweh wird mit euren spannenden Berichten natürlich auch nicht kleiner. Wenn Chiles Hauptstadt noch ruft grüßt sie herzlich von mir. Wenn ihr so weitermacht reis ich euch doch nochmal entgegen.
    Lg,
    Petra

    1. Liebe Petra
      Tausend Dank für deine Worte. Wir sind wieder einigermassen fit und denken noch heute oft an die lustigen, erfolgreichen Rollerverhandlungen mit euch. Kommt uns doch entgegen und bringt uns bitte etwas Wärme aus Europa mit! Wir scheinen im südamerikanischen Winter noch zu erfrieren und glauben nicht, dass wir es noch tief in den bitterkalten Süden schaffen.
      Herzlichste Grüsse speziell für dich aus Santiago de Chile!
      Sarah & Armando

  2. …ich habe geschmunzelt als ich von den Erkältungen gelesen habe – kurz vorher nach all den Erzählungen von Kälte, keine Heizung, Auto ausbuddeln und abkühlenden Zehen, erwartete ich diesen Abschnitt von Tee trinken und auskurieren von Schnuppen und so 🙂
    Tolle Geschichten, faszinierend zu lesen, Bilder die viel vorstellbare Bewegung enthalten – insbesondere die mit den Bikes den Ritt hinunter – wäre ich gerne dabei gewesen und hätte mitgestrampelt, zumindest hinunter, hinauf hätte ich dann auch den Bus bevorzugt.
    Keine Zeit mehr, muss weiterlesen! Ciao bis später.

    1. Hallo Pa, ja auch eine kleine Auszeit gehört zum Reisen. Besonders wenn man sich nicht winterlich bekleidet ohne Heizung in den kalten Bergen wieder findet. Zum Glück konnten wir die Autos aus den Schneemassen befreien. Du wärst bestimmt mit uns die einigen Meter den Berg hochgestrampelt 🙂 Viel Spass beim lesen. Hasta pronto

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